Zur Geschichte der Notfallseelsorge

Seelsorge in Notfällen ist so alt, wie die christliche Kirche selbst, denn die Sorge um den Menschen in Not galt immer schon.

Der Auftrag zur Seelsorge in Notfällen hat sich jedoch im Lauf der Zeit immer mehr konkretisiert und spezialisiert. Säkulare Initiativen und Institutionen griffen das Anliegen verstärkt auf und prägten es auf ihre je eigene Weise.

Ein eindeutiges „Gründungsdatum“ der Notfallseelsorge in Deutschland lässt sich nicht benennen. Sie begann mit vielen Geschichten an vielen Orten.

Erste konkrete Schritte hin zur heutigen Notfallseelsorge leitete man noch der Flutkatastrophe in Hamburg 1962 ein. Die beiden Volkskirchen veröffentlichten die Broschüre „Kirchliches Handeln bei Unglücksfällen und Katastrophen“. Aber die Zeit war noch nicht reif für eine klare Ausprägung einer eigenen Notfallseelsorge; vielleicht auch, weil der Nachkriegsgeneration ein anderer Umgang mit seelischen Belastungen zugemutet, bzw. abverlangt wurde.

In den 1980er und 90erJahren folgten dann, unabhängig voneinander, mehre kirchliche Initiativen, die zur Gründung von Notfallseelsorgesystemen führten.

Ein wichtiger Schritt zur Konsolidierung auf Bundesebene waren die „Kasseler Thesen“, die 1997 einen ökumenischen Konsens im Verständnis der Notfallseelsorge festschrieben. Als Fortschreibung der „Kasseler Thesen“ verabschiedete die Konferenz Evangelische Notfallseelsorge am l2.09.2007 die so genannten „Hamburger Thesen“.

Manche Initiativen verstanden sich als eine Art verlängerter Arm der Gemeindeseelsorge und kümmerten sich hauptsachlich um direkt Betroffene und Hinterbliebene. Andere Initiativen haben ihr Augenmerk verstärkt auf die Sorge um Einsatzkräfte gerichtet. Notfallseelsorge bewährt sich Tag für Tag. Ihre stille, zuverlässige Arbeit gerät in der Regel nur bei Großeinsätzen wie in Ramstein, Eschede oder Winnenden ins Licht der Öffentlichkeit.





Das Logo der Notfallseelsorge

Bedeutung

Der rote Kreis symbolisiert unsere Welt mit all ihren Nöten. Rot ist die Farbe des Bluts der vielen Verletzten und Getöteten, mit denen wir in den Notfällen zu tun haben. Blau ist die Farbe des Himmels, der Ewigkeit.

Vor dem roten Kreis sehen wir das Sternenkreuz. Das Kreuz ist das universelle Symbol aller Christen. Es steht für unseren Glauben an die Auferstehung und an den Sieg von Jesus Christus über den Tod. Der Stern ist das Zeichen der Hoffnung.

Das Sternenkreuz reicht über den roten Kreis hinaus. Das bedeutet: Notfallseelsorge will in dieser Welt helfen, aber sie ist nicht in dieser Welt gefangen. Wir leben genauso in der anderen Realität und auf diese andere Realität hin, die all unser Wissen und Verstehen überschreitet: Gott.

Erde und Kreuz sind eigebettet in das Blau des Himmels, der Ewigkeit. Tod und Sterben gehören in die Welt. Darüber hinaus glauben wir an eine Welt, in der wir nach unserem Tod hier auf der Erde leben werden, in der Gott abwischen wird alle Tränen, und wo kein Leid mehr sein wird.

Schutz der Wort-/Bildmarke Das Logo ist patentrechtlich geschützt. Nach dem Beschluss der Konferenz Evangelische Notfallseelsorge vom 15. November 2011 gilt für die Verwendung des Logos folgende Regelung:

1. Das Logo darf von Systemen verwendet werden, die von der Notfallseelsorge entsprechend der Hamburger Thesen kirchlich (mit)verantwortet werden.
2. Bei gemischten Systemen darf zusätzlich zur Bezeichnung „Notfallseelsorge“ der Begriff „und Krisenintervention“ hinzugesetzt werden.
3. Form und Farben des Logos sind verbindlich, der dunkelblaue Hintergrund darf in Wappenform oder als Rechteck gestaltet werden.


Hilfe in einer plötzlichen Notlage

Notfallseelsorge ist „Grundbestandteil des Seelsorgeauftrages der Kirchen“. Sie ist somit weniger ein Spezialgebiet der Seelsorge, als eher deren angemessene Organisationsform, um Menschen beistehen zu können, die plötzlich in eine Notlage gekommen sind, die ihr Leben nachhaltig verändern wird.

Notfallseelsorge ist das Bemühen, sich ungeachtet der Kirchenzugehörigkeit

– nach dem Vorbild des „Barmherzigen Samariters“ – dem in Not geratenen Menschen als Nächster zu erweisen. Solche Situationen sind:

Opa ist tot

„Wie jeden Morgen saßen wir beim Kaffee zusammen“, erzählt die alte Frau. „Ich bin nur mal kurz zum Briefkasten gegangen, um ihm die Zeitung zu holen, die er morgens immer so gerne gelesen hat. Die wird er nun nicht mehr lesen“, sagt sie. Eine Träne tropft auf die Titelseite.

Solche Situationen haben Pfarrerinnen und Pfarrer auch vor dem Aufkommen der Notfallseelsorge häufig erlebt. Was sich geändert hat ist: Heute werden sie häufig vom Notarzt gerufen. Denn der ist zuerst da. Wenn heute „unter deutschen Dächern“ ein Mensch stirbt, ist der erste Reflex: Notarzt rufen! Manchmal kann er auch Leben retten. Gott sei Dank. Häufig aber auch nicht. Gott sei es geklagt.

Für diese Klage und für den Beistand in diesen ersten schweren Minuten ist die Notfallseelsorge da. lm Idealfall kommt gleich der Ortspfarrer. Denn oft kennt er die betroffenen Menschen – auch wenn sie keine Kirchenmitglieder sind. Zu den runden Geburtstagen kam er zu Besuch. Vielleicht hat er auch schon die Goldene Hochzeit ausgerichtet. Und er ist es auch, der nun den Opa beerdigen wird.

Darum gilt in der Regel, dass die alarmierte Notfallseelsorge zuerst versucht, den Ortspfarrer, die Ortspfarrerin zu erreichen. Seelsorgliche Begleitung unterscheidet sich darin von Krisenintervention. Die betroffenen Menschen werden in ihren sozialen Bezügen begleitet und betreut. Das endet auch nicht mit der Beerdigung.

In der akuten Situation tut der Pfarrer das, was Seelsorge schon immer getan hat: den trauernden Menschen beistehen. Sich ihren Fragen stellen, worum Gott das zulässt. Ihre Klage zulassen und ermöglichen. Keinen billigen, aber in der Zusage Gottes begründeten Trost zusprechen. Den Abschied ermöglichen und gestalten, um dadurch Hoffnung zu wecken und Wege in die Zukunft zu eröffnen.

Dreiviertel aller „Einsätze“ der Notfallseelsorge sind solche „innerhäuslichen Notfälle“. Das Bereitschaftssystem der Notfallseelsorge sorgt dafür, dass Kirche do sein kann, wenn sie gewollt ist.

Sie lag so ruhig in ihrem Bettchen …

Die Ursachen für den plötzlichen Kindstod sind weithin unklar. Auch der Seelsorger hat hier keine einfache Antwort. Die Frage nach dem Warum wird bohrender, der Trost schwieriger. Und doch ist es gut für Eltern, in dieser Situation nicht allein zu sein. Auch wenn die Polizei kommt und das Baby

untersuchen und sogar mitnehmen muss. Die Notfallseelsorge kann noch bleiben und helfen, das Chaos der Gefühle mit zu tragen und vielleicht ein wenig zu ordnen.

Der Papa kommt nicht wieder

Dies gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten Aufgaben der Notlallseelsorge: eine Todesnachricht zu überbringen, denn die Überbringer lösen mit ihrer Nachricht den schlimmen Schmerz aus und erleben die ersten Reaktionen der Seele.

Das Überbringen der Todesnachricht ist rechtlich gesehen Sache der Polizei. Notfallseelsorge bietet hier ihre Hilfe an. Sie kann vor allem nach der schlimmen Nachricht bei den Menschen bleiben und dafür sorgen, dass sie auch weiterhin nicht allein bleiben.

Die Tür zum Dachboden stand weit offen …

… als ab sie wollte, dass man sie bald fände. Der zwölfjährige Sohn hat sie dann gefunden Das Bild wird er sein Leben lang wohl nicht verlieren. Die Beine der Mutter nur einige Zentimeter über dem Boden schwebend, Ihr Kopf schräg in der Schlinge.

„Schuld“ kommt bei Suiziden schnell zur Sprache. Ob man etwas hätte merken können? Ob man es hätte verhindern können? Antworten wird auch die Notfallseelsorge in dieser Situation nicht geben können. Aber die Fragen schon einmal behutsam bedacht zu haben – das hilft, dass sie nicht das

ganze Leben bedrücken.

… auf deutschen Straßen

kommen immer noch ca. 5000 Menschen pro Jahr ums Leben Über 400.000 werden verletzt. Dass hier Seelsorge gerufen wird, ist neu. Hierfür brauchen Pfarrerinnen und Pfarrer eine besondere Vorbereitung. Zum einen ist das eine Einführung in das „Verhalten an der Einsatzstelle“. Aber auch der Umgang mit Menschen in solchen Extremsituationen bedarf einer besonderen Fortbildung. Für Pfarrerinnen und Pfarrer bedeutet sie eine „Fokussierung der vorhandenen seelsorglichen Ausbildung und beruflichen Erfahrung“ auf diese besonderen, von der gemeindlichen Praxis sich unterscheidenden Situationen.

Am Unfallort leistet Notfallseelsorge, ebenso wie andere Hilfsangebote, menschlichen Beistand. Darüber hinaus stehen ihr die in christlicher Tradition begründeten „rituellen“ Bewältigungsangebote zur Verfügung. Das sind insbesondere Gebet, Salbung und Aussegnung.

lm Ritus kommt das Unaussprechliche symbolisch zur Sprache, wird die Würde des Opfers gewahrt, wird der Trost des Evangeliums weitergegeben, wird das Geschehen der Barmherzigkeit Gottes anvertraut.

Ein großer Schaden …

ist es immer, wenn Menschen verletzt werden oder gar ums Leben kommen. Von „Großschadensereignissen“ spricht man im Rettungswesen aber erst, wenn mehrere Menschen davon betroffen sind. Die seelsorgliche Arbeit an sich bleibt dabei die gleiche. Was sich bei Großschadensereignissen ändert, ist der Organisationsgrad.

Auch Notfallseelsorge muss sich – gemeinsam mit den anderen Organisationen am Geschehensort – organisieren. Die Funktion eines „Leitenden Notfallseelsorgers“ muss besetzt werden, und die dafür vorgesehenen Pfarrerinnen und Pfarrer müssen dafür aus gebildet werden. Sie bilden die Schnittstelle der Notfallseelsorge zur gesamten Rettungsorganisation. In den Katastrophenschutzgesetzen ist die Notfallseelsorge eingebunden. Auch bei Schadensereignissen im Ausland kann die Notfallseelsorge in enger Zusammenarbeit mit den Bundesbehörden zum Einsatz kommen.

In all diesen Arbeitsfeldern versucht Seelsorge – nach dem Vorbild des „Barmherzigen Samariters” – sich den betroffenen Menschen als deren Nächster zu erweisen Dies geschieht im Beistand und mit menschlicher Zuwendung. Angesichts des offensichtlichen Unheils eröffnet Seelsorge darüber hinaus den Horizont des von Gott zugesagten Heils, das auch im Tod keine Grenze hat. Sie bereitet der Heilung damit einen doppelten Weg.

Neben den Pfarrerinnen und Pfarrern sind mittlerweile auch muslimische Notfallbegleiter und besonders geschulte Ehrenamtliche in der Notfallseelsorge tätig.

Wer sich für den Dienst in der Notfallseelsorge interessiert, sollte körperlich und seelisch belastbar sein, sich auch in schwer zugängliche Verhaltensweisen einfühlen können, mindestens 28 Jahre alt sein und muss Mitglied einer christlichen Gemeinschaft sein, die dem ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland) angeschlossen ist.



Notfallseelsorge in allen Lebenslagen

Die Flutkatastrophe 2021 hat die Notfallseelsorge herausgefordert, wie kein Ereignis zuvor, sagt Bianca van der Heyden, Landespfarrerin für Notfallseelsorge. Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger haben die Menschen unmittelbar nach der Katastrophe stabilisiert, ihnen zugehört und sie unterstützt. Auch Pfarrerin Edeltraud Lenz aus Simmern war im Einsatz: Sie und ihr Team wurden zum Lebenshilfehaus in Sinzig gerufen, in dem zwölf Bewohner ertrunken sind.

Seelsorge ist da: von der Wiege bis zur Bahre. Die Evangelische Kirche im Rheinland begleitet Menschen in allen Lebenslagen. Das Filmprojekt zum Schwerpunktthema der Landessynode 2022 gibt in mehreren Videoclips Einblicke in verschiedene Bereiche der Seelsorgearbeit: in der Gemeinde, im Krankenhaus, an Schule und Uni, im Gefängnis, im Krankenhaus, am Telefon, bei der Polizei und nach Katastrophen.

Weitere Bereiche der Seelsorge finden Sie dargestellt durch Video-Clips auf YouTube unter #seelsorgeistda: ...

Vielleicht schauen Sie einmal nach.